Das kultige kleine Travelmagazin

Die Nase des Regengottes

Bei Tulum stößt der schroffe Fels auf das karibische Meer und unterbricht die kilometerlangen Korallenkalkstrände Yucatáns. Brandungswellen klatschen gegen die steil aufragenden Wände.

Ton in Ton mit dem Felsgestein erhebt sich der Tempel der Windgötter auf dem Vorsprung. Darunter nichts als türkisgrünes Meeres. Wie Jade.

Tulum ist der einzige Ort der alten Maya-Welt, der an nur drei Seiten von einer Stadtmauer umgeben ist: Die vierte Mauer bildet das Wasser.

Fassade am Tempel von Kabah

Ursprünglich trug die Stadt am Meer den Namen Zamá - die Morgenröte. Also die ideale Stelle für einen Sonnenaufgang.

Tempelanlagen mit Stuckreliefs, Masken, Säulen, Wandmalereien - die alten Gemäuern atmen Geschichten aus. Über die Götterwelt und das Alltagsleben der Ureinwohner. Über ihre astrologischen Kenntnisse, ihre unübertroffen präzise Zeitrechnung.

Im Templo de los Frescos von Tulum trifft man auf den Bienengott Muzencab. Die Maya mischten dem Balché, einem berauschenden Ritualgetränk aus vergorener Baumrinde, Honig bei.

Ganz oben in der Götterhierarchie stand Chac, der Regengott. Für die Lebensader der Maya, ihre Maisfelder, war die Anrufung Chacs essentiell.

Seine figürliche Darstellung zeichnet sich durch ein recht markantes Erkennungszeichen aus: In dem skulpturalen Architekturschmuck der Maya-Ruinen stößt man immer wieder auf sein rüsselartiges Riechorgan, das weit aus der Mauer hervorschwenkt.

Die Front des Regengott-Tempels in Kabáh ist lückenlos mit 260 Chac-Masken geschmückt. Wobei keine Zahl in der Maya-Architektur zufällig erscheint: Die "heilige Runde", Tzolkin, der religiöse Festkalendar der Maya, dauert genau 260 Tage. So lang wie eine menschliche Schwangerschaft.

Ebenso präsent wie Chacs Nase ist die Gefiederte Schlange, Quetzalcóatl, von den nachklassischen Maya auch Kukulcán genannt. Ein Schöpfergott, Kunstpatron und Kulturbringer.

Chichén Itzás begehbare Pyramide trägt seinen Namen. Aber nicht nur, weil alle vier Treppen von gefiederten Schlangen flankiert sind.

Zweimal im Jahr, zur Tagundnachtgleiche am 21. März und 23. September, entsteht an den Treppenrändern der Pyramide durch den nachmittäglichen Strahleneinfall ein ausgeklügeltes Licht- und Schattenspiel, so als krieche eine gefiederte Schlange die Treppe hinab und am nächsten Tag wieder hinauf.

Fischerboote am Golf von Mexico

Er hat eine jugendliche Figur und trägt mit einer Maispflanze als Kopfschmuck: Der Maisgott. Er ist Mensch, und der Mensch ist aus Mais. Jedenfalls behaupten das die Maya von sich. Die Götter schufen das Fleisch des Menschen aus gelbem und weißem Mais, heißt es im Popol Vuh, der Maya-Bibel.

Von den Maya wie eine heilige Pflanze verehrt bildet Mais in Mexiko auch heute noch die Basis jeder Mahlzeit. Die Männer arbeiten auf den Feldern und ernten die Maiskolben. Die Frauen sind für die Weiterverarbeitung zuständig: Mit dem Metate, dem steinernen Mahlstein, werden die Körner für den Tortilla-Teig zerrieben.

Ohne Mais keine Tortilla, kein Taco und ohne Tortilla oder Taco keine Mahlzeit. Die handgroßen Fladen werden auf einer Blechplatte über offenem Feuer gebacken.

Ein beliebter Schnellimbiss. Zierliche kleine Maya-Frauen in ihren traditionellen huipiles, den buntbestickten Blusen, stehen hinter der Anrichte, kneten und klopfen den Teig.

Die kreisrunden Tacos sind ruckzuck gebacken, dann kann jeder selbst entscheiden, ob er sie mit Hühnchen, Schweinefleisch oder vegetarisch mit Spinat und Ei belegt. Auf jeden Fall gehören eine scharfe Soße und ein paar rosa Zwiebelstückchen obendrauf.

In Yucatán leben rund 30 Prozent Indígenas, wie man die Ureinwohner in der spanischen Landessprache nennt. Die Maya wohnen meist noch in ihren traditionellen Lehmhütten.

So wie Elviro und Maria Florencia, die mit ihren Kindern und Kindeskindern nahe der Landstraße zwischen Valladolid und Cobá wohnen.

Mit freundlichem Lächeln grüßt das Paar. Eine Tochter mit ihrem Neugeborenen, ein paar Nachbarschaftskinder und der siebzehnjährige Sohn Enrico bilden das Empfangskomitee.

Die meisten Familienmitglieder sprechen Maya und Spanisch. Maria Florencia zeigt den Gästen voller Stolz ihr Heim.

An der Bauweise hat sich seit Jahrtausenden nichts Grundlegendes geändert: Der Sockel einer klassischen Maya-Hütte besteht aus Steinen oder gestampfter Erde. Die Wände aus Weidenzweigen werden mit Lianen verbunden und mit Lehm verputzt.

Ein Palmblattdach schützt vor Niederschlägen. Die Maya-Hütte hat einen ovalen Grundriss und darum keine Ecken, in denen sich Geister verstecken könnten. Die einfachen Behausungen sind so konstruiert, dass sie die huracanes, die Windgötter, nach oben entweichen lassen.

Elviro und Maria Florencia setzen sich auf die Hängematte ihrer Wohnhütte, der choza. Ein Regal mit einigen Kuriositäten, eine Glühbirne und das neue Transistorradio von Elviro schaffen einen lebhaften Kontrast.

Maria Florencia geht in die angrenzende Küchenhütte und präsentiert die Feuerstelle und das moderne Kochgeschirr. Elviro erzählt von der Arbeit auf der Maisplantage, die wegen der momentanen Trockenheit nichts einbringt.

Seine Frau und die älteste Tochter knüpfen farbige Hängematten, deren Verkauf die Familienversorgung erleichtert.

Elviros Sohn möchte die elterliche Hütte verlassen, um in der mondänen Hotelstadt Cancún zu arbeiten. Die Bedeutung des Maya-Wortes Cancún ist nicht eindeutig geklärt.

Manchmal wird es mit "der Topf, in dem Gold ist" übersetzt. Manchmal aber auch mit "Schlangennest".

Text und Fotos: Elke Weiler


Schlagworte: , , ,

Antworten


Bitte beachten Sie, dass Kommentare erst freigeschaltet werden müssen. Bitte nicht erneut absenden.

*