Meditation am See
Der Himmel, eine Wolkenlandschaft. Wie das Grün der Wälder spiegelt sich das blauweiße Gemälde im Millstätter See, der sich majestätisch auf 600 Metern Seehöhe ausbreitet.
Weiter oben, in den Nockbergen, weht ein frischer Wind. Michael Klammer hat den festen Händedruck eines Mannes, der zupacken kann. Muss er auch, denn die Arbeit auf dem Hof macht sich nicht von allein.
Auch wenn Bruder Franz ein berühmter Skifahrer ist. Auf Michael warten 20 Rinder, sechs Pferde und zwei Kaninchen, die versorgt werden wollen.

An einem Holztisch im Freien sitzen ein paar kernige Burschen mit wettergegerbter Haut und machen einen Witz nach dem anderen. Man spielt Karten, auch "schnapsen" genannt. Dabei frönt man dem Zirm – Tannenzapfen-Schnaps.
Wir lassen die Almidylle hinter uns und stapfen frohen Mutes den Mirnock hinauf. Vom Gasthaus Klammer auf 1134 Metern sind es schätzungsweise drei Stunden bis zum Gipfel des sogenannten Energiebergs.
"Es gibt Berge, die den Menschen prägen", meint unsere Wanderführerin Alexandra. "Berge mit Charakter." Zu dieser Kategorie gehört auch der Mirnock. Viele Phänomene weisen auf seine Energiefelder hin. Die große Anzahl der Heilkräuter in pharmazeutischer Qualität.
Der hohe Wassergehalt, die viele Quellen – einige davon mit einer Temperatur von 14 Grad Celsius. Oder eine Fichte mit sage und schreibe sieben Stämmen. Natürlich führt Alexandra uns geradewegs zu den gekennzeichneten Punkten, an denen man die Energie am Kribbeln der Fingerspitzen oder ganzen Handflächen spüren kann.
Während der Tour sammeln wir Steine: Granaten, die roten Halbedelsteine, wachsen hier sozusagen aus dem Fels – es sind die "Blutstropfen der Nocken". Die Millstätter Alpe birgt das größte Granatvorkommen der Alpen.
Mit der Zeit lösen sich die Steine aus den Einschlüssen im Felsgestein und kullern dem Wanderer geradewegs vor die Füße.
Wir wollen unsere Preziosen nach der Rückkehr schleifen lassen, denn erst dann entfalten sie ihre Wirkung: Sie sollen Erfolg und Lebensmut bringen. An einem der Kraftorte ist eine kleine Ruhepause und ein anregendes Gespräch mit einer weiteren Wandergruppe angesagt.

Wer allein unterwegs ist, wird merken: Die energiegeladenen Orte eignen ausgezeichnet zur Meditation. Doch schon beim Wandern scheinen sich die Batterien wie von selbst auf zu laden. Wir ziehen weiter und werden von Michael Klammer und seinem 100 PS starken Traktor überholt.
Wer trotz des steten Energietankens müde ist, darf auf dem Transportdeck Platz nehmen und die herrliche Aussicht auf Berge und Tal genießen, während es Maschine und Mensch kräftig durchrüttelt.
Der Almbauer hat auf dem Gipfel eine kleine Überraschung für die Wanderer vorbereitet: eine mittägliche Jause mit Brot, Käse, Wurst, Schinken und Kräuterlimonade.
Mitten im Energiefeld speisen wir und spüren wieder das Kribbeln in den Händen. Während der Wind fegt, genießen wir das überwältigende Panorama mit dem Millstätter See.
Unten wartet Barbara Putzi, um uns die Kräfte des Wassers spüren zu lassen. Zur Vorbereitung folgen wir Barbaras Qi Gong-Bewegungen an Land – immer mit Blick auf den tiefgrünen See. Dann fallen die Hüllen.
Langsam, ganz langsam tauchen wir ins Wasser ein, gehen ein paar Schritte, fühlen die Kräfte, die unsere Beine streicheln.
"Wie eine Massage von 1000 Händen", meint Barbara. Wir spüren den Widerstand des Wassers auf unserer Haut und tauchen immer tiefer ein. Am Ende hält es keiner mehr aus: Wir schwimmen los und bewegen uns gegen die im Juni noch frische Wassertemperatur.
Auch am folgenden Tag steht der See im Mittelpunkt: Der gelernte Tischler Gottlieb Strobl wartet am Ufer auf uns. "Fritzl" heißt eines seiner schnittigen Holzboote. Marke Eigenbau, meint er nicht ohne Stolz. Gottlieb erklärt uns die Rudertechnik, bevor er uns auf den weiten See entlässt: "Seht her, wie leicht diese Boote zu stoppen sind!"

Jeweils zu zweit erobern wir das Wasser. Besonders an den Ufern auf der anderen Seite faszinieren uns die vielen Grün- und Blauschattierungen des Wassers. Wir wandern die Buchten entlang, lauschen den Vogelstimmen und den Geräuschen des Windes im Blätterdickicht – unterbrochen nur vom gelegentlichen Plätschern der Paddel.
Auch mit den Fahrrädern ist der See gut zu erobern. Silke Streiner, einziger weiblicher Kapitän auf dem See, tuckert mit dem Boot "Peter Pan" zu den diversen Anlegestellen und liest immer wieder Radfahrer auf.
Besonders schön ist die Strecke am Nordufer des Sees gegenüber von Millstatt. Hier geht es bergauf und bergab durch schattige Wälder mit schönen Aussichtspunkten und wellenförmigen Holzliegen für erholsame Momente.
Der Millstätter See ist mit großem Fischreichtum gesegnet; viele am See ansässigen Hotels verfügen über eigene Fischrechte. So lautet das bevorzugte Gericht auf den Terrassen am See: fangfrischer Fisch. Zander, Barsch und Reinanke in allen Variationen.
Oberhalb des Hochplateaus vom Millstätter See gibt es auch die berühmten Kletz‘n – Kärntner Nudeln, mit Dörrpflaumen gefüllt. Familie Glabischnig vom Gasthof "Zur schönen Aussicht" bereitet das Traditionsgericht in verschiedenen Versionen zu.
Den Rand der Teigtaschen zu formen, nennt man krendeln. "Wer das kann, darf heiraten in Kärnten", lacht Ursula Glabischnig. Käseliebhaber freuen sich über Bio-Qualität mit Pfeffer, Kren oder Schnittlauch aus der eigenen Sennerei.
Nicht weit davon entfernt hat Günther Klösch einen riesengroßen Bonsaigarten nach allen Regeln der Kunst angelegt. "Ein Bonsai ist ein Erbstück. Unser ganzes Leben passen wir auf ihn auf", erklärt der Kenner die Philosophie hinter dem Minibaum. Das Motto lautet: immerwährend an der Perfektionierung zu arbeiten.
Ein Hauch von Asien mitten in Kärnten. Da passt es ja, dass bald die Qi Gong-Meisterin Barbara auftaucht, und wir unser Training vervollständigen können. Jeden Mittwochabend ist sie im Bonsaigarten.
Umgeben von den schön geformten Bäumchen, Teichen, exakt gelegten Steinen und dem Rauschen eines Baches bewegen wir uns langsam nach Barbaras Geleit und meditieren für unbestimmte Zeit.
Mit geschlossenen Augen, in uns gekehrt und die Ruhe des Moments genießend.
Text und Fotos: Elke Weiler
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